Erik van Lieshout

After the Riot II
May 1 - July 18, 2015

In After the Riot II, seiner dritten Einzelausstellung mit der Galerie Guido W. Baudach, verhandelt Erik van Lieshout in neuen Video- und Papierarbeiten die Auswirkungen verschiedener aktueller politischer Missstände und gesellschaftlicher Konflikte. Auf konkrete Beispiele aus seinem Heimatland Holland Bezug nehmend, erkundet van Lieshout dabei mittels der ihm eigenen, ebenso engagierten wie konfrontativen Arbeitsweise das Verhältnis von Privatem und Politischem sowie von Individuum und Gesellschaft.

Das Zentrum der Ausstellung bildet eine sternförmige Plattform, auf der ein offener Kreis aus Bauzaunelementen steht. Das Ensemble ist sowohl Skulptur als auch gleichzeitig Versammlungsort. Der Gitterzaun, eigentlich ein Instrument zur Grenzziehung und Aussperrung, trägt hier dazu bei, eine Stätte des Nachdenkens und Debattierens zu schaffen. Auf der Innenseite des Zauns sind Projektionsflächen angebracht, auf welchen das Zweikanal-Video Dog (2015) gezeigt wird.

Anhand des tragischen Falls des russischen Raketenforschers und Oppositionspolitikers Aleksandr Dolmatov thematisiert Dog die praktischen Auswirkungen der europäischen Asyl- und Flüchtlingspolitik. Dolmatov, ein bekannter Putin-Kritiker, der in den Niederlanden um Asyl nachgesucht hatte, beging am 16. Januar 2013 im sogenannten Auffanglager für Asylsuchende nahe des Rotterdamer Flughafens Selbstmord, nachdem ihm mitgeteilt worden war, sein Asylantrag sei abgelehnt und er werde nach Russland zurückgeschickt.

Einige Zeit nach diesem Vorfall, dem, wie sich im Nachhinein herausstellte, ein Computerfehler zugrunde lag, und der einen politischen Skandal nach sich zog, in dessen Verlauf sich der damalige holländische Innenminister zum Rücktritt gezwungen sah, wurde Erik van Lieshout von einer kleinen Gruppe von Menschenrechtsaktivisten aufgefordert, ein Denkmal für Dolmatov zu gestalten. In der Folge nahm van Lieshout an verschiedenen Treffen der Gruppe teil, nahm Kontakt zu Flüchtlingen auf und begann an einer Performance zum Gedenken an Dolmatov zu arbeiten, die sich auf Oleg Kuliks Pavlov‘s Dog von 1995 beziehen sollte. Gleichzeitig war van Lieshout aber auch bereits mit den Vorbereitungen für seine Teilnahme an der Manifesta 10 in Sankt Petersburg beschäftigt. Aus unverarbeitetem Filmmaterial für seinen dortigen Beitrag Basement, einer Videoinstallation mit den Katzen der Eremitage als Hauptdarstellern, produzierte er im Frühjahr 2015 die Videoinstallation Dog, ein Denkmal für Aleksandr Dolmatov und ein Kunstwerk, welches die gesellschaftlichen Einflussmöglichkeiten des Künstlers hinterfragt.

Neben Dog zeigt van Lieshout Arbeiten auf Papier, in welchen er, ebenfalls von einem konkreten Vorfall in den Niederlanden ausgehend, die Auswirkungen des gegenwärtig vielerorts stattfindenden Aufeinandertreffens von Fremdenfeindlichkeit und religiös motiviertem Radikalismus untersucht. Im Sommer 2014 veranstalteten holländische Nationalisten in einem multikulturellen Problemviertel von Den Haag einen anti-islamistischen Aufmarsch. Infolge einer Gegendemonstration von pro-Palästina, pro-IS und pro-Dschihad Gruppierungen aus der Nachbarschaft kam es zum Ausbruch massiver Gewalttätigkeiten. Die Zeichnungen und Collagen beleuchten die Szenerie im Anschluss an die Auseinandersetzungen. Sie zeigen Menschen, die sich ausruhen, die Situation betrachten, mit anderen sprechen, das Geschehene reflektieren. Diese spezielle Atmosphäre aufgreifend bietet After the Riot II einen Ort für Begegnungen und Gespräche.