Dark Matter - Marcel Bascoulard, Björn Dahlem, Thomas Helbig, Andy Hope 1930, Rashid Johnson, Erwin Kneihsl, Markus Selg, Thomas Zipp
January 18 - February 29, 2020

Kein Licht ohne Schatten. Nichts Sichtbares ohne Dunkelheit. Erst auf dem Schwarz der Nacht bildet sich die Helligkeit der Sterne ab. Entsprechend dunkel ist der ideale Hintergrund der lichten Dinge und Ideen. Nicht zuletzt in der Kunst. Bereits seit der Renaissance lässt die Hell-Dunkel-Kontrastierung des Chiaroscuro Farben intensiver, Räume und Figuren plastischer erscheinen. Darüber hinaus hat das Schwarz der Dunkelheit seine ganz eigene Semantik, steht es doch für das Geistige, das Immaterielle, das Geheimnisvolle in der Kunst. Schon Kasimir Malewitsch nimmt vor mehr als einhundert Jahren auf diese Metaphorik Bezug, um mit seinem Schwarzen Quadrat den absoluten Nullpunkt einer vom gegenständlichen Repräsentationszwang befreiten Moderne zu setzen.

Die Ausstellung Dark Matter (Dunkle Materie) versammelt medial unterschiedliche Einzelwerke verschiedener zeitgenössischer Künstler von Fotografie, Collage, Malerei bis hin zu Skulptur, die unter Rückgriff auf die Farbe Schwarz und ihre diversen Bedeutungszusammenhänge vielfältig konnotierte Inhalte transportieren.

So zeigt der in Potsdam lebende Bildhauer Björn Dahlem (*1974) ein ebenso rätselhaftes wie hintersinniges Objekt, das einerseits wie das Totem einer extraterrestrischen Zivilisation erscheint, andererseits aber aus nichts anderem als aus sehr irdischen Fundstücken und nicht minder profanen Alltagsmaterialien besteht, die allesamt einfach Schwarz überlackiert wurden.

Auf interstellare Gefilde verweist auch die unbetitelte Malerei des Berliner Künstlers Thomas Helbig (*1967). Wie ein Kometenschweif oder eine galaktische Wolke mutet der leuchtend helle Fleck weißer Sprühfarbe auf dunklem Öl-Grund an. Der offenkundig handgeschnitzte, schwarz lackierte Rahmen unterstreicht das gleichsam barocke Gepräge der Arbeit, eine Eigenschaft, die sie mit der Plastik von Björn Dahlem verbindet. Und hier wie dort halten sich Ernsthaftigkeit und Humor in ganz ähnlicher Form die Waage.

Die in schwarz-weiß gehaltene Computercollage Erinnerung von Markus Selg (*1974) bringt uns dagegen zurück auf die Erde, ruft sie doch als düster-mysteriös verpixeltes Dschungel-Panorama Assoziationen zu den versunkenen Stätten der Maya oder auch dem Mythos von Eldorado hervor, wenngleich die dargestellte Szenerie ihren Ursprung auch ganz woanders, vielleicht sogar in einem Traum oder in einer Vision von einer noch fernen Zukunft, haben könnte.

Der ausgestellte Silbergelatine-Handabzug des in Wien lebenden Fotokünstlers Erwin Kneihsl (*1952) wiederum erinnert ebenfalls an ein Bild aus einem dystopischen Science-Fiction, auch wenn es sich hier tatsächlich um die fotografische Inszenierung eines realen Berliner Kirchturms handelt, der durch gezielt eingesetzte Unschärfe und Überkontrastierung zur abstrahierten Bilderscheinung mutiert ist und auf diese Weise beinahe geisterhaft daherkommt.

Eine weitere Fotografie stammt von dem französischen Außenseiter Marcel Bascoulard (1913 – 1978), der über vier Jahrzehnte Selbstporträts in Frauenkleidern von sich angefertigt hat; nicht für den Kunstmarkt, aber gleichwohl, wie er selbst angab, aus einer “künstlerischen Notwendigkeit” heraus. Anfang der 1970er Jahre entstand eine Reihe von Aufnahmen, zu denen auch das ausgestellte Foto gehört, die den zu dieser Zeit bereits fast Sechzigjährigen zwar in der für ihn auch sonst typischen, unaufdringlich-sachlichen Pose mit direktem, selbstbewusstem Blick in die Kamera zeigen, dies allerdings in ungewöhnlich exzentrischen Kreationen aus dunklem Latex, was den üblicherweise gleichsam bieder und eher asexuell wirkenden Selbstporträts dieses erst unlängst entdeckten Pioniers des Transgender in der Kunst sowohl eine fetischhafte als auch eine modernistische Komponente verleiht.

Black Pattex (SA), eine zweiteilige, aus einem großformatigen Gemälde und einer gerahmten Zeichnung bestehende Arbeit des in Berlin lebenden Künstlers Thomas Zipp (*1966) erscheint als vielfältig aufgeladenes Werk mit autobiografischem Bezug. Thomas Zipp stammt aus dem südhessischen Rheintal, dessen Topografie dem niedrigen Horizont und den seichten Hügelketten in der Malerei ziemlich genau entspricht, während der von schwarzen Strahlen durchwirkte dunkle Himmel darüber auf das nahegelegene AKW Biblis, aber auch auf erste Drogenerfahrungen des Künstlers beim Klebstoffschnüffeln verweist. Das damit verbundene psychedelische Element wird noch verstärkt durch die zugehörige Papierarbeit, die auf dem fotografischen Porträt einer bekannten Psychotherapeutin der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beruht, in deren Augen Thomas Zipp silberne Polsternägel als Pupillen gesteckt hat und aus deren Mund er einen aufgemalten schwarzen Ballon im Sinne einer stummen, dunklen Sprechblase entweichen lässt.

Im Falle des in New York lebenden Künstlers Rashid Johnson (*1977) ist die Verwendung der Farbe Schwarz grundsätzlich Teil seines praxisbezogenen Umgangs mit biografischen Narrativen, nimmt sie doch Bezug auf seine Zugehörigkeit zur afroamerikanischen Bevölkerung der USA. Zudem ist das von ihm für den Hintergrund seines ausgestellten Bildobjekts verwendete Material keine gewöhnliche Farbe, sondern ein mit Black Soap, einem ursprünglich aus Westafrika stammenden Hautpflegemittel, eingefärbter Wachs. Das Fadenkreuz, welches Johnson hier mit goldener Sprühfarbe mitten ins Zentrum des dunklen Gevierts gesprüht hat, verweist auf seine künstlerischen Anfänge in der Sprayer-Kultur. Vor allem aber ist es eine popkulturelle Hommage, greift es doch auf das Target-Logo der New Yorker Hip-Hop-Formation Public Enemy zurück und erweist den musikalischen Black-Power-Aktivisten durch dessen symbolische Vergoldung besonders eindringlich Referenz.

Auch das Time Tube (6) betitelte Werk des in Berlin lebenden Künstlers Andy Hope 1930 funktioniert referentiell, in dem es auf die bereits erwähnte Ikone der frühen Avantgarde, das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch Bezug nimmt. Die Arbeit ist ein Hybrid, ein Zwitter aus Bild und Skulptur, der die wortwörtliche Verräumlichung seines kunsthistorischen Referenzobjektes realisiert. Dabei erscheint der Time Tube in eigentümlicher Form aus der Zeit gefallen, trifft hier doch eine futuristisch anmutende Industrieholzkonstruktion mit einem darauf gestülpten antiken Bilderrahmen zusammen. Vergangenheit und Zukunft überlagern sich. Und das tiefmatte Schwarz im Inneren des Tubes öffnet den Blick für neue Sphären.