Andy Hope 1930

HEEDRAHTROPHIA
October 26 - December 7, 2019

Monster, Maler, Mutanten

Die Serie neuer Malereien von Andy Hope 1930, die die Galerie Guido W. Baudach unter dem Titel HEEDRAHTROPHIA zeigt, steht mit einem ersten Japanaufenthalt des Künstlers im Frühjahr 2018 in Verbindung. Neben neuen Eindrücken, die er gewann, konfrontierte ihn die japanische Popkultur mit lang vertrauten Monstern und ihren Erzählungen. Andy Hope, der ein avancierter Sammler von Comics, Filmen und Figuren aus dem Bereich Horror, Supervillain/Superhero, Saurier und extraterrestrischer Wesen ist, erlangte seine Position und weite internationale Rezeption vor allem durch die Art, wie er das Feld der Americana durchpflügte, und dabei die Fallen der Affirmation wie auch der Amerikakritik durch einen Überschuss an Witz und kunst-/historischen Anspielungsreichtum aushebelte.

Das relativ spät entdeckte Land Japan jedoch muss er wie ein Déjà-vu erlebt haben. Er setzte sich nach dieser Reise mit einem Monster auseinander, das ihn schon lange fasziniert, ein Kaiju namens Hedorah, es stammt aus dem Monsterfilm Godzilla vs. Hedorah (Japan 1971, im dt. Verleih Frankensteins Kampf gegen die Teufelsmonster).

Hedorah ist ein außerirdisches Wesen, das sich an der japanischen Industrialisierung labt, es ernährt sich von Abgasen und giftigen Abfällen und kann sich zu Land, zu Wasser und in der Luft bewegen. Hedorah besitzt eine gespensterhafte Form (das klassische Gespenst ist der wandelnde Tote in seinem halb verfaulten Leichenhemd). Kopf und Rumpf gehen ineinander über, die Mitte besteht aus pulsierender Schlacke, die Augen sind vertikal angeordnet und haben von ihrem ursprünglichen Schöpfer, dem Filmproduzenten und Designer Yoshimitsu Banno, bewusst diese vaginale Form erhalten.

Wer sich mit Monstern beschäftigt, kommt nicht drum herum, ihre grundsätzliche Eigenschaften anzuerkennen: Sie sind aufdringlich, können weder subtil oder fein agieren, und sind in ständiger Unruhe begriffen. Man muss aufpassen, nicht von ihnen verschlungen oder nur halb abgebissen und weggeworfen zu werden. Was macht das Monster mit der Malerei? Was macht der Maler mit dem Monster?

Andy Hope porträtiert Hedorah, um mit ihm die Sprache der Malerei selber auszureizen, zu vergiften. Das versteht sich ganz wörtlich in der Materialwahl: toxische und oxidierende Farben setzt Hope ein, Kupfer und Gold, Rost, dazu Kontraste mit Perlmuttschimmer und gelb-grünen Neonfarben. Gleichzeitig bringen die Tupfer, dünn gearbeiteten Schichten, irisierenden Farbzonen eine Spannung zwischen Zweidimensionalität und räumlichem Sog hervor. Das Monster glotzt uns mit floral-entzündeten Augen an, wie die Geschichte der Malerei selbst, es kehrt Gedärm, Milz und Hirn nach außen, organisiert entsprechende Formen im Bildraum. Das Gemälde kippt ständig zwischen dem, was es bezeichnet – ein Monster, die B-Movie-Welt und ihre patinierten wie auch grellen Signale – und dem was es schlichtweg ist: Farbe und Gestalt auf Leinwand, toxisch-schillerndes neben mattem Material.

Es kippt auch zwischen flächig comic-hafter Organisation und den Tiefen malerischer Schlacken und Farbverläufe. Um die Gestalt des Monsters herum, bis in dessen Innenraum hinein, gibt es opake, monochrome Flächen, ebenso bewölkte Himmel, schwarze Wolken und lodernde Hölle.

All das geht nur mit Hedorah. Das Wesen ist so amorph und schluffig, dass es zeitgenössische Malerei in ihrer ganzen Struppigkeit einlässt. Bis hin zu den beinahe abstrakten Zotteln oder den verpesteten Blumen, die als isoliertes Motiv auch ein gesamtes Bild ausfüllen.

Der Serientitel HEEDRAHTROPHIA spielt bewusst mit der Assoziation einer neuen Krankheit, die auf eine Entzündung an Giftmüll zurückgeht. Aber auch das Wort der Trope steckt darin – Tropen sind rhetorische Stilfiguren.

Anders aber als im japanischen Film lässt Andy Hope Hedorah am Ende über Godzilla siegen. Denn derartig reflexive Malerei würde mit Godzilla sicher nicht funktionieren. Sie wäre nur Abbild, Fan-Illustration. Hedorah dagegen ist selbst ein System, das mutiert und mal kreucht, mal fliegt, wie die Malerei im Zustand ihrer nachmodernen Selbstverdauung. Andy Hope musste Hedorah nicht ergänzen, nichts erfinden, das Monster selbst ist ein wucherndes System und lässt sich wie ein Pilz oder Virus in die Malerei übertragen.

In der Wirkung ist Hedorah auch traurig, auch drollig, nicht trashig, kaum grell. Pathos geht von diesem Giftfreak nicht aus, es ist gefangen in seiner Glibbersoße und widersetzt sich allergisch den Erhabenheitsansprüchen der Malerei. Dass Andy Hope dieses Ding aus dem japanischen Meer zog, war schlichtweg gekonnt.

Sarah Khan

 

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Andy Hope 1930 lebt und arbeitet in Berlin. Hope’s Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt. Eine Auswahl der Ausstellungsbeteiligungen in den letzten zehn Jahren beinhaltet: Busan Biennale, Korea (2018); Social Facades. A dialogue between the MMK and DEKABank Collections, MMK, Frankfurt (2018); La Biennale di Venezia, 57th International Art Exhibition, Viva Arte Viva, Venedig (2017); Random Sampling, Haus der Kunst, München (2016); So ein Ding muss ich auch haben, Lenbachhaus, München (2016); Avatar und Atavismus - Outside der Avantgarde, Kunsthalle Düsseldorf (2016); MAD#1, La Maison Rouge, Paris (2015); Self-Inflicted Justice By Bad Shopping, Sammlung Falckenberg / Deichtorhallen Hamburg (2015); Unendlicher Spass, Schirn Kunsthalle, Frankfurt (2014); Fruits of Passion: Collection from the Musée National d'Art Moderne, Centre Pompidou, Paris (2014); Painting Forever!, KW Institute for Contemporary Art, Berlin (2013); KABOOM! Comics in Art, Weserburg, Museum für moderne Kunst, Bremen (2013); The 9th Gwangju Biennale, China (2012); Medley Tour by Andy Hope 1930 (solo), Kestnergesellschaft, Hannover (2012); MMK 2011. 20 Years of Presence, MMK, Frankfurt (2011); Mind the Gap, Kai10 Arthena Foundation, Düsseldorf (2011); Robin Dostoyevsky by Andy Hope 1930 (solo), CAC Centro de Arte Contemporáneo, Malaga (2011); Charles Riva Collection (solo), Brüssel (2010); Freud Museum (solo), London (2010); Sammlung Goetz (solo), München (2009).