Björn Dahlem

Club Strangeness (Hubble Ultra Deep Space)
April 27 - June 8, 2019

Die Galerie Guido W. Baudach freut sich, Club Strangeness (Hubble Ultra Deep Space), die siebte Einzelausstellung von Björn Dahlem mit der Galerie zu präsentieren.

Seit Ende der 1990er Jahre erforscht Dahlem in seinen Arbeiten den Zusammenhang von ästhetischer Bildwelt und wissenschaftlichen Weltbildern. Seine Installationen, Skulpturen und Objekte bestehen dabei vorwiegend aus einfachen Materialien, die Dahlem in präzise durchkomponierte und sichtbar handgemachte Formgebungen verwandelt. Die strukturelle Vielschichtigkeit der Arbeiten entspricht der Komplexität der kosmologischen Modelle und astrophysikalischen Theorien, denen er seine Motive entlehnt. Mit feinsinnigem Humor verknüpft Dahlem die Erkenntnisse der Naturwissenschaft mit den ästhetischen Ebenen des Alltags und hinterfragt gleichzeitig die suggestive Kraft der wissenschaftlichen Fiktion von Welt.

Im Vorfeld der Ausstellung haben wir mit Björn Dahlem gesprochen und ihn gefragt, was es mit Club Strangeness (Hubble Ultra Deep Space) auf sich hat.

GWB: Hallo Björn, nach mehr als 15 Jahren trägt eine Ausstellung von Dir mal wieder das Wort »Club« im Titel. Haben wir es hier mit einer Rückkehr zum Hedonismus der Millennium-Zeit zu tun?

BD: Der Hedonismus steht nicht im Vordergrund, das war auch bei meinen Ausstellungen Anfang der 2000er nicht wirklich der Fall. Es geht vielmehr um den Aspekt der direkten persönlichen Kommunikation von Kunst, Publikum und Künstler. Um dieses Zusammensein in einer undefinierten Situation von Fremd- und Vertrautheit, von Offenheit und Hermetik. So wie im Club eben.

GWB: Wozu in Hinblick auf die spezifische Atmosphäre im damaligen Berlin meines Erachtens aber auch der ebenfalls im Ausstellungstitel auftauchende Begriff der »Seltsamkeit« bzw. der »Strangeness« sehr gut passt.

BD: Ich glaube, wir leben schon lange im Zustand der Seltsamkeit, nicht nur in Berlin, sondern überall in der Welt. Wir haben Zugriff auf unfassbar viele Informationen, es wird so viel geforscht wie nie zuvor und wir halten uns für unglaublich faktengeleitet und rational. Andererseits fühlen vermutlich die meisten, wie wenig das stimmt, wie emotional und unerklärlich seltsam wir eigentlich sind. Eine schöne Metapher für diesen inneren Widerspruch findet sich für mich in dem quantenphysikalischen Zustand der Strangeness oder eben Seltsamkeit. Das ist eine rein rechnerische, total abstrakte physikalische Größe, den man schlicht und einfach aus Gründen der besseren Anschaulichkeit so benannt hat. Dieser Widerspruch ist heute allgegenwärtig, etwa in der Politik, wo scheinbar die helle Vernunft gegen die emotionale Dunkelheit kämpft. Aber nicht nur durch Fake News und Verschwörungstheorien wird die Welt komplizierter, auch die Fakten machen das Ganze immer diffuser. Darüber ist sich die Quantenphysik schon seit den 1920er Jahren im Klaren, aber erst jetzt sickert diese Erkenntnis unübersehbar auch in die Gesellschaft ein und sorgt dabei überall für Verunsicherung.

GWB: Der  Untertitel  der Ausstellung spielt auf einen Gegenstand an, dem in Deiner Arbeit schon öfter begegnet ist, und zwar auf das Hubble- Weltraumteleskop, welches uns in den letzten 25 Jahren nie dagewesene Bilder aus unserem Universum sowie grundlegende Einblicke in dessen Aufbau und Struktur geliefert hat, nicht zuletzt in Bezug auf astronomische Phänomene, die zu den zentralen, immer wiederkehrenden Themen und Motiven Deiner künstlerischen Praxis zählen: Sternenwolken, Galaxien, Schwarze Löcher, Dunkle Materie etc. Welche Bedeutung hat das Hubble-Teleskop für Dich und Deine Arbeit?

BD: Das Hubble-Teleskop hat uns wirklich atemberaubende Bilder des Universums geliefert, von denen eins ganz besonders wichtig für mich ist: das Hubble Ultra Deep Field. Das war zu diesem Zeitpunkt der tiefste Blick, den die Menschheit je in den Weltraum geworfen hat: die am weitesten entfernten Objekte in der Aufnahme befinden sich in einer Distanz von mehr als 13 Milliarden Lichtjahren. Astronomen und Astrophysiker gehen aktuell von einer Größe des Universums von ca. 15 Milliarden Lichtjahren aus. Das heißt, das Hubble Ultra Deep Field war der erste Blick an den räumlichen Rand des Universums und gleichzeitig auch ein Blick 13 Milliarden Jahre zurück in die Vergangenheit. Ich fand die Dimension des Deep Space damals völlig unglaublich und habe mich gewundert, warum dieses Bild nicht auf den Titelseiten sämtlicher Zeitungen zu finden war. Das kann nur daran liegen, dass die räumlichen und zeitlichen Dimensionen so gigantisch sind, dass sie sich niemand mehr vorstellen kann und man sie deshalb als irgendwie irreal abtut. Das sind wissenschaftliche Fakten, die einfach zu unglaublich sind.
    
GWB: Damit wären wir auch gleich beim prägenden Element der Ausstellung angelangt, einer raumgreifenden begehbaren Holzkonstruktion, bei der man den Eindruck hat, dass es sich um ein skulpturales Bild des Himmel bzw. des Universum handelt.

BD: In den letzten Jahren sind die Großrechner so leistungsfähig geworden, dass Kosmologen detaillierte Simulationen der Großstrukturen im Weltall generieren können. Sie errechnen aus den Positionen tausender Galaxien die materielle Gesamtstruktur des Weltalls, die sogenannten »Superstrukturen«. Diese folgen geometrischen Gesetzen und ordnen sich in Polygonmustern an, die eine Art dreidimensionale Netz- oder Schaumstruktur erzeugen. Diese, vom Grundprinzip her einfachen Formen verwende ich für meine Installation, um einen privaten Weltraum, einen seltsamen Club zu bauen.

GWB: Und in diesem Club trifft man auf das ein oder andere symbolträchtige Fundstück, unter anderem auf ein Metronom. Was hat es damit auf sich?

BD: In der Quantenphysik zeigt sich mehr und mehr, dass alle Materie aus Information aufgebaut ist, die dem binären Code folgt. 0 und 1, Tick und Tack. Das ist der Grundbeat und das Basisornament der Welt, und findet sich in unendlicher Variation überall wieder.

GWB: Und der Elektroroller?

BD: Der Roller transportiert einen großen Dodekaeder. Das ist einer der fünf platonischen Körper, das antike Symbol des Elementes des Himmels, ein heiliges Tabu, über das man damals nicht sprach. Der Dodekaeder stand aber auch für die unerklärliche Melancholie, und etwas melancholisch stimmt es ja schon, dass wir uns in dem gigantischen, uns umgebenden Raum, trotz modernster Raumfahrttechnik, real so gut wie gar nicht bewegen können. Auch eine Reise zum Mars, die vielleicht in 10-15 Jahren stattfindet, wäre nach irdischen Maßstäben nicht mal ein Schritt vor die Haustür. Mit einem Roller kann man wenigstens mal schnell zum Bäcker fahren.
    
GWB: Die Installation verweist auf die besonderen Werkstoffe, die Du bei Deiner bildhauerischen Arbeit bevorzugt verwendest: Baumarktutensilien, Leuchtmittel und Objet trouvés – alles Dinge, mit denen Du schon seit Deiner Zeit an der Kunstakademie Düsseldorf Mitte/Ende der Neunziger Jahre unablässig umgehst. In welchem Verhältnis stehen diese alltäglichen, teils banalen Materialien zu den oftmals doch hochwissenschaftlichen Themen Deiner Arbeit?

BD: Diese einfachen Materialien erzeugen eine Nahbarkeit, weil sie für uns ganz unzweifelhaft real sind. Gleichzeitig schaffen sie auch eine Gegenästhetik zur gängigen Idee der Optimierung, der Vorstellung, alle Fehlerhaftigkeit dieser Welt ließe sich eliminieren, auch in der Kunst. Meine Arbeiten sind unperfekt und fehlerhaft, aber das mit Präzision.

GWB: Unter den kleineren Skulpturen fallen besonders drei ebenfalls polygonal aufgebaute Vitrinen ins Auge, die schon von Weitem als skulpturale Gebilde wahrnehmbar sind, sich bei näherer Betrachtung aber auch als Schauplatz von Rauminstallationen en miniature zu erkennen geben, und insofern, wenn ich es richtig sehe, der Bild im Bild-Idee verpflichtet sind. Nun hast Du zwar schon viel und über einen längeren Zeitraum hinweg mit unterschiedlichen Arten von Vitrinen gearbeitet. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass wir es hier mit einem durchaus neuen Werktypus zu tun haben.

BD: Das Bild-im-Bild ist eine bewährte künstlerische Strategie, um den Betrachter daran zu erinnern, dass er es hier »nur« mit einem Bild zu tun hat und nicht mit einer Wahrheitsaussage. Das entspricht genau der Idee des wissenschaftlichen Modells: bei ihm handelt es sich nicht um ewig gültige Wahrheiten, nicht um die Realität der Welt, sondern lediglich um eine Reflektion, also ein Spiegelbild. das immer wieder verändert und nachjustiert werden kann. Ich glaube, dieser Gedanke tritt in den neuen Vitrinen noch mehr hervor, weil sie sich durch ihre Außenform einerseits noch stärker an die großen Installationen anlehnen und sich andererseits nach innen perspektivisch komplexer verschlüsseln. Dadurch kommt ein formal neuer Aspekt in die Arbeit hinein, aber es taucht auch wieder etwas auf, das es schon in frühen Arbeiten gab. Etwas, das ich als »romantische Ironie« bezeichnen würde.

GWB: Was genau verstehst du darunter?

BD: Eine gewisse Leichtigkeit und einen Humor, der die vielen Widersprüchlichkeiten des Lebens in der Parallelwelt der Kunst versöhnt.

GWB: Na dann: Danke, Björn. Und willkommen im Club!

 

 

 

Björn Dahlem, geboren 1974 in München, lebt und arbeitet in Potsdam. Er ist Professor an der Bauhaus-Universität Weimar. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Institutionen im In- und Ausland ausgestellt, u.a. Kunsthalle Münster; Kiyoharu Shirakaba Museum, Hokuto, Japan (2018); Gyeonggi Museum of Modern Art, Gyeonggi-do, Südkorea; Artscience Museum, Singapur (2017); Mori Art Museum, Tokio (2016); Berlinische Galerie (2015); Matadero Contemporary Art Center, Madrid; Bundeskunsthalle, Bonn (2014); MoCA, Taipeh; Kunstmuseum Stuttgart (2013); Sammlung Philara, Düsseldorf; Kunstverein Braunschweig; Kunsthalle Rostock (2012); Mudam, Luxemburg; Marta Herford, Kunsthalle Wien (2011); Kunstmuseum St. Gallen; National Museum of Art, Architecture and Design, Oslo; Temporäre Kunsthalle, Berlin, (2010); La Conservera, Murcia, Spanien (2009); ZKM, Karlsruhe; Sammlung Falckenberg, Hamburg (2008); Bregenzer Kunstverein; kestnergesellschaft, Hannover (2007); Hirshhorn Museum, Washington DC; Museo Tomayo, Mexico City; Busan Museum of Modern Art, Südkorea (2006); Hamburger Kunsthalle (2005); Hammer Museum, Los Angeles; Hamburger Bahnhof, Berlin; FRAC, Marseille (2004); Kabinett für aktuelle Kunst, Bremerhaven (2003); Kunstverein Hannover (2002); Museum Abteiberg, Mönchengladbach; Van Bommel Museum, Venlo (2001); Neuer Aachener Kunstverein (2000); Fridericianum Kassel (1999).