M E T A M O R P H O S I S curated by Zdenek Felix with Habima Fuchs, Thomas Helbig, Renaud Jerez, Kris Lemsalu and Mary-Audrey Ramirez
March 11 - April 15, 2017

Teilnehmende Institutionen:
KAI 10 | Arthena Foundation, Düsseldorf (4. März – 27. Mai 2017)
Galerie Guido W. Baudach, Berlin (10. März – 15. April 2017)
SVIT, Prag (5. Juni – 9. Juli 2017)

Der Begriff „Metamorphosis“ stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet in etwa Verwandlung, Veränderung, Umgestaltung. Im Bereich der Biologie bezeichnet er die kontroverse, mehrere Stadien umfassende Entwicklung bestimmter Lebewesen, wie z.B. von Fröschen oder Schmetterlingen, von der Larve zum finalen Tier. Im Prozess der Verwandlung erhält die anfängliche Gestalt eine völlig neue Identität.

In der um das Jahr 8.n.Ch. verfassten gleichnamigen Dichtung des römischen Autors Ovid werden Geschichten von den Verwandlungen der Götter, Heroen, Menschen, Pflanzen und Tiere erzählt. Zum Leitmotiv wählte Ovid die Idee des essentiellen Übergangs von einem Zustand in den anderen, wobei er antike Mythen, wie jenen von der Nymphe Daphne, die vor den Nachstellungen des Gottes Apollo fliehend sich in Lorbeer verwandelt, in epische Bilder transformiert. Die Bestimmung des menschlichen Daseins wird von Ovid als Folge gegenseitiger Verflechtungen aller Lebewesen und Göttern gesehen, eine poetische Fiktion einer allumfassenden kosmischen Ordnung.

Im Surrealismus erfährt der Begriff „Metamorphosis“ eine Wiedergeburt. Auf dem berühmten Spruch des Comte de Lautréamont basierend, wonach die Begegnung einer Nähmaschine mit dem Regenschirm auf einem Seziertisch unerwartete Emotionen und Visionen hervorruft, wollen die Surrealisten mit Konfrontationen von wesensfremden Dingen die üblichen Zusammenhänge zerstören und die unbewussten Vorstellungsebenen befreien. Die so entstehenden, plötzlichen mit neuen Inhalten aufgeladenen Bilder sollen den scheinbar logischen Strukturen des üblichen „Sehens“ eine surreale, hellseherische Wahrnehmung entgegen setzen.

„Der Teufel, sage ich, bewahre die surrealistische Idee davor, jemals ohne Metamorphosen auskommen zu wollen“, postuliert André Breton 1930 in „Second Manifeste du Surréalisme“.
 
Für die an der Ausstellung Metamorphosis teilnehmenden Künstler und Künstlerinnen spielen die Beziehungen zwischen dem Mythischen und Weltlichen wie auch die surrealistische Unversöhnlichkeit zwischen dem Bewussten und Unbewussten eine eher geringere Rolle. Sie sind jedoch auf individuelle Art und Weise in ihren Werken mit den Verwandlungen von Formen, Materialien, Körpern, Ideen und Substanzen beschäftigt. Die Regie der Ausstellung konzentriert sich auf die dreidimensionalen Werke der beteiligten Künstler, wodurch die spezifische Rolle der Verwandlung als gestalterisches Prinzip in den einzelnen Arbeiten deutlich zum Ausdruck kommt. Die Auswahl umfasst fünf zeitgenössische Positionen aus fünf europäischen Ländern.

Die tschechische Künstlerin Habima Fuchs (*1977, Ostrov) ist Bildhauerin, Zeichnerin und Keramikerin, beteiligt sich an Filmen und Installationen. Ihre Aufenthaltsorte wechseln zwischen Tschechien, Deutschland, Frankreich und Italien, eigentlich führt sie das Leben einer Kulturnomadin. Den Stoff für ihre Arbeiten entnimmt sie Mythen und Legenden unterschiedlicher Herkunft, wobei sie sich hauptsächlich mit spirituellen Inhalten beschäftigt. Ihre „Futurologisten“ nehmen die Position von meditierenden Buddhas an. In der keramischen Skulptur Pratyupanna, 2014, die in der Galerie Baudach gezeigt wird, verwandelt sich eine mächtige Schlange mit einer Anzahl von Tentakeln in ein bedrohliches Lebewesen, das an die unter Wasser domestizierten Anemonen erinnert. Aus dem festen Körper der Schlange entwickeln sich schließlich 84 Einzelteile. Der so multiplizierte Körper ermöglicht, den Worten der Künstlerin zufolge „eine bessere und komplexere Wahrnehmung“ der Umwelt. Eine eher „humane“ Metamorphose erfährt in Transformations / Wild Abundance, 2012 die kauernde weibliche Figur mit maskenhaftem Gesicht, die ihr überdimensionales Geschlecht wie Schild und Angriffswaffe zugleich vor sich her trägt. Sie ist die „Baubo“ - Fruchtbarkeitsidol und Dämon in einem.

Thomas Helbig (*1967, Rosenheim) ist ein deutscher Maler, Zeichner und Bildhauer. Zu Beginn seiner Karriere nutzte Helbig das formale Potential der Moderne, um mit deren Formvokabular zu spielen und es gleichzeitig zu dekonstruieren. Seine collagierten Skulpturen aus den letzten Jahren zeigen eine andere Art der Transformation des benutzten Materials. Dabei bedient er sich aus dem Fundus der ausrangierten, weggeworfenen Dinge, aus dem Zivilisationsmüll, wie auch aus den Regalen der Deko-Abteilungen von Warenhäusern, die kitschige Skulpturen, Vasen oder Spielzeuge aus Kunststoff feilbieten. Deren meist hohle Formen zerbricht Helbig und verschweißt die Bruchteile zu neuen Objekten, die er anschließend bemalt. Erkennbare Elemente wie Hände, Köpfe, Brüste oder Füße tauchen neben Fragmenten von anonymen Figuren, Spielzeugen und Masken auf.
Es entstehen Assemblagen von starker symbolischer Wirkung. Mit vagen Andeutungen erinnern sie an ihre eigene Vergangenheit, verunklären sie jedoch und peilen neue Zusammenhänge an. Bezüge zu Star Wars-Filmen stellen sich ebenso ein, wie jene zum Vokabular des mit Helbigs Biografie verbundenen süddeutschen Barock, eine Anmutung, die in den letzten Skulpturen durch die Verwendung von farbigen Stoffen, wie etwa rotem Samt, unterstrichen wird. Eher noch als Religiosität blitzt hier aber jener absurde Humor auf, der an die „Beunruhigenden Musen“ der „metaphysischen“ Szenerien eines Giorgio de Chirico denken lässt.

Der französische, in Paris und Basel lebende Künstler Renaud Jerez (*1982, Narbonne) hat sich in den letzten Jahren einen Namen als Autor verstörender Installationen und Assemblagen aus Metall, Draht, Bleirohren, isolierten Kabeln und anderem industriellen Material gemacht. Obwohl er die „virtuellen Realitäten“ des Internets durchaus reflektiert, verlässt er sich in seinen Skulpturen hauptsächlich auf die sinnlich greifbaren Dinge, mit der Absicht, diese in ihren Strukturen zu enthüllen.
Es geht ihm, mit seinen eigenen Worten, um „bodies contaminated by consumerism“, zu dessen Quellen die Produktion und der Konsum von Video-Spielen, Science-Fiction-Filmen und computergenerierten Avataren gehören. In all dem, was die virtuelle Phantasie in Massen frei setzt, entdeckt Jerez den Stoff für seine Werke. Er arbeitet mit Gegensätzen: einerseits schafft er aus dem zivilisatorischen Schrott und Abfall die „Cyborgs“ der virtuellen Welten, andererseits enthüllt er die biologische Infrastruktur des menschlichen Körpers als Maschine, die der Virtualität zum Trotz immer noch als Träger der Kommunikation zwischen Mensch und Welt funktioniert. Im Zuge der Metamorphose von einem Zustand in den anderen weisen Jerez‘ Androiden und Roboter auf ihre biologische Vergangenheit hin, entwerfen jedoch auch ein dystopisches Modell einer verkehrten Evolution, in der sich die Erzeugnisse des Menschen verselbständigen und in eine fremdartige Anti-Welt verwandeln.

Die estnische Künstlerin Kris Lemsalu (*1985, Tallinn) ist Keramikerin und arbeitet bevorzugt mit den Medien Installation und Performance. Anlässlich der Frieze in New York 2015 verharrte sie mehrere Stunden lang auf dem Bauch liegend unter einem riesigen keramischen Schildkrötenpanzer. Zu sehen waren nur ihre nackten Füße, Hände und ein Haarschopf, ein Manifest der Einsamkeit, Isolation und Verdrängung des Individuums innerhalb der heutigen Gesellschaft und speziell des Kunstbetriebes. Die in der Galerie Baudach gezeigte Skulptur Car2Go, 2016 ist eine komplexe Installation aus mehreren Teilen. Zunächst sieht man einen „Engel“, dessen Flügel aus den beiden Seitentüren eines Autos bestehen. Sein mit einer blauen Bettdecke verhüllter „Körper“ lässt in der Mitte den Blick frei auf zwei keramische Wolfsköpfe und darunter prangende, entblößte Frauenbrüste, die von zwei Händen gehalten werden; ein Gegensatz, der religiöse wie auch existentielle Konnotationen evoziert. Kleine Figuren mit gelben Regenschirmen in der Umgebung beziehen sich indirekt auf die Demokratiebewegung „Umbrella Movement“ in Hongkong. Zugleich klingt hier das Erlebnis einer Begräbnisprozession in Sri Lanka mit, die Kris Lemsalu verfolgen konnte. Car2Go  wurde von der Künstlerin bei der Erstpräsentation zum Gegenstand einer Performance umgewandelt. Dabei umarmte sie die Engelsgestalt, um langsam zu deren Füßen herunter zu gleiten; eine eher tragische, an die Beweinung Marias am Kreuze gemahnende Geste oder ein Kommentar zur aktuellen politischen Lage schlechthin.

Die aus Luxemburg stammende und in Deutschland lebende Künstlerin Mary-Audrey Ramirez (*1990, Luxemburg) studierte Multimedia an der Universität der bildenden Künste in Berlin. Im Zentrum ihres Interesses stehen skulpturale Arbeiten und Installationen. Für ihre früheren zweidimensionalen Bilder entwickelte sie eine besondere Technik: Mit Hilfe einer Nähmaschine schuf sie auf Leinwand oder Rupfen lineare Gebilde, die zunächst spontan entstanden, um sich im Laufe des Nähens in lesbare Konfigurationen zu verwandeln. Es sind rätselhafte, von Menschen und Tieren bevölkerte Szenerien, deren Akteure sich miteinander verweben und in metamorphischen Begegnungen ihre Identität wechseln. Leben, Empathie und Sexualität begegnen der Gewalt und dem Tod, Tiere greifen andere an und werden selbst gefressen. Diese düsteren Szenarien werden jedoch spielerisch gebrochen und ins Märchenhafte überführt. Seit 2013 entstehen plastische Arbeiten, meist thematisch auf die Übergänge zwischen dem Antropomorphen und Animalischen konzentriert. Bei ihren Recherchen entdeckte Mary-Audrey Ramirez für sich die Welt des in Europa immer noch existierenden Volksbrauchtums, besonders jener bei ländlichen Fasnachten und Karnevalsritualen getragenen Masken und Kostüme, mit denen sich Menschen in Tiere, Pflanzen und wilde Geister verwandeln. In einigen ihrer Performances und skulpturalen Werke bezieht sie sich auf diese Inspiration. Große und kleine Tiere wie Flamingos, Pelikane, Hängebauchschweine, Tapire, Rochen und Füchse treten bei Ramirez wie in „Alice in Horrorland“ in doppelbödigen Rollen auf. Sie nehmen menschliche Verhaltensweisen an, verharren jedoch in der eigenen animalischen Welt, die ihnen letztlich die Oberhand über den Menschen gewährt.

Zdenek Felix, Februar 2017